Nach langer Pause war ich mal wieder bei einem stARTcamp zugeschaltet, diesmal beim stARTcamp Bonn, das von meinen lieben Kollegen von Bonn.digital veranstaltet wurde und das von der Stadt Bonn und mir gesponsert wurde.

Dabei habe ich auch Session gehalten, die ich hier noch einmal zusammenfassen möchte:

Digitale Kommunikation richtig angehen

Bei meinen Wegbegleitungen in Sachen Kommunikation mache ich seit vielen Jahren immer wieder die Erfahrung, dass die Menschen mit falschen Vorstellungen an das Thema herangehen. Dies betrifft folgende Punkte:

  1. Den Grund, warum sie mit digitaler Kommunikation anfangen
  2. Den Zeitpunkt, zu dem sie damit anfangen
  3. Die Art und Weise, wie sie digitale Kommunikation praktizieren wollen
  4. Die Reihenfolge der Maßnahmen
  5. Die Zeit, die digitale Kommunikation erfordert

Mythen und häufige Fehler

Zu 1.) Digitale Kommunikation zur Werbung

„Ich möchte auch so eine Werbeseite auf Social Media aufmachen“, höre ich oft in den Kennenlerngesprächen. Doch diesen Zahn muss ich dann erstmal ziehen…

Man sollte in digitaler Kommunikation aktiv werden, um

  • mitzubekommen, worüber allgemein und insbsondere über das eigene Thema gesprochen wird
  • sich an diesen Gesprächen beteiligen zu können
  • sich dabei sachbezogen und hilfreich einbringen zu können
  • dadurch seine Kompetenz unter Beweis zu stellen
  • als Ansprechpartner für sein Thema da zu sein
  • eigene Gespräche zu initiieren
  • eine Community für seine Sache aufzubauen und zu pflegen
  • sein Netzwerk abzubilden und zu pflegen
  • neue Ideen und ggf. Projektpartner zu bekommen

All das hat natürlich auch eine werbende Wirkung. Aber richtige Werbung in Form von Anzeigen ist nur obendrauf sinnvoll, wenn man die passende Basis und vor allem das entsprechende Budget hat (viele Social Media interessieren sich erst wirklich für einen ab einem fünfstelligen monatlichen Anzeigenbudget). Außerdem braucht man dazu Fachleute, die auf Anzeigen spezialisiert sind, denn das ist eine Wissenschaft für sich! Doch aufgrund der Datenschutzabkommen ist digitale Werbung längst nicht mehr so effektiv wie früher und die User sind ohnehin genervt davon. Man sollte sich also gut überlegen, wo man sein Geld reinsteckt, v.a. wenn es wie in der Kultur oft nur geringe Budgets sind.

Weitere sinnvolle Gründe, mit digitaler Kommunikation zu beginnen, können z.B. sein:

  • Nachwuchs finden
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • die eigene Arbeit dokumentieren

Zu 2.) Erst anfangen, wenn man selbst was loszuwerden hat

„Jetzt ist mein Buch/meine Ausstellung/mein – nennen wir es mal allgemein Projekt – fertig, jetzt fang ich mit digitaler Kommunikation an. Worüber soll ich denn vorher reden? Vorher bin ich doch mit der Entstehung des Projekts beschäftigt, da hab ich keine Zeit. Und überhaupt hab ich dafür eigentlich keine Zeit.“ So oder so ähnlich äußern sich viele.

In der digitalen Kommunikation läuft es aber nicht anders als in der analogen. Sie braucht Zeit und wer nur über sich selbst redet und sich sonst an keinen anderen Gesprächen beteiligt, wird schnell gemieden. So erreicht man genau das Gegenteil von dem, worauf man eigentlich raus wollte. Meist wird dann die Plattform dafür verantwortlich gemacht. Dabei kann die gar nichts für das eigene Fehlverhalten.

Die sinnvolle Reihenfolge an Maßnahmen (die nicht aufeinanderfolgendend, sondern als immer weiter ergänzend gemeint sind) dabei:

  • Zuhören
  • Basisprofil einrichten
  • Kommentieren/Liken
  • Gegenseitiges Vernetzen aufgrund von vorherigem Kontakt oder Zusammenarbeit oder gemeinsamen Gesprächen (keine Initiativanfragen, wenn man mit dem anderen nie zu tun hatte, egal wieviel gemeinsame Kontakte da sind) – Einseitiges Folgen geht immer, das ist allein Ihre Sache.
  • Andere und ihre Beiträge ehrlich weiterempfehlen (weil es wirklich so gemeint ist)
  • Posten eigener Inhalte auf geschäftlichen Seiten/Gruppen/Kanälen
  • Auf Kommentare zu eigenen Beiträgen immer reagieren, Gespräche moderieren
  • Eigene Inhalte nutzerrelevant gestalten
  • Das Ganze Prozedere immer weiterentwicklen

Wer sich nicht sicher ist, ob sein Verhalten das richtige sein könnte, braucht sich nur mal in die Rolle dessen hineinzuversetzen, der angesprochen werden soll: Würde es mich selbst interessieren? Was würde ich dazu wissen wollen und wie würde ich dann dazu angesprochen werden wollen?

Zu 3.) Nur eigene Beiträge posten, nicht ins Gespräch gehen

In der Fachsprache betrifft dies den Paradigmenwechsel von Push zu Pull. Also vom massenhaften Rausblasen von eigenwerbenden Beiträgen in der Hoffnung, damit einige zu erreichen, die es interessiert, hin zum möglichst selbsterklärenden und informativen bis unterhaltenden Zurverfügungstellen von Inhalten, die demonstrieren, wie gut man sich mit etwas auskennt, und einen so zum bevorzugten Ansprechpartner dafür werden lassen.

Zu 4.) Website ist unnötig, lieber „Blog“ auf Instagram

„Wir machen nur Social Media, das reicht“, ist ein besonders hartnäckiger Mythos. Dabei wird gern alles, was einen Feed hat, mit einem Blog gleichgesetzt. Der Aufwand für einen ausführlichen Beitrag in Instagram steht einem wirklichen Blogartikel in Sachen Aufwand in nichts nach, die Funktionen sind aber ganz andere. Und lesen und interagieren kann nur, wer auch ein Profil im betreffenden Social Network hat. Trotzdem wird die Fremdplattform der eigenen gegenüber oft vorgezogen, weil die Einstiegshürde als geringer angesehen wird.

Dabei meint Blog nicht automatisch einen tagebuchartigen Newsbereich, sondern einfach technisch den Teil einer Website, der aus Beiträgen beteht, die durch Kategorien und Schlagworte strukturiert und damit leichter wiederauffindbar und auch getrennt darstellbar werden. Vor allem sind sie abonnierbar und das nicht nur per RSS-Reader. Außerdem werden Blogbeiträge schneller in Suchmaschinen indexiert.

ob durch Ändern der Funktionen (z.B. Abschaffung der Notizen in Facebook) oder des Layouts, Verkauftwerden (siehe Twitter), Schließung (siehe Google+), Sperrung oder Löschung ohne Chance auf Wiederherstellung (2-Faktor-Authentifizierung nutzen und regelmäßig Daten sichern!).

Sich darauf zu verlassen, dass es einem selbst schon nicht passieren wird, kann öfter nach hinten losgehen als man denkt. Ich habe bei den Menschen, mit denen ich arbeite, schon alles erlebt: Von der Sperrung kurz nach Registrierung, weil man sich wie ein Fakeprofil oder ein Bot verhalten hat, bis hin zum Gehacktwerden nach 14 Jahren Facebook und daraus resultierender unwiederbringlicher Löschung. Dagegen ist niemand gefeit.

Und wer nur auf temporäre Inhalte (Stories etc.) setzt, braucht umso mehr eine permanente Präsenz mit den nötigen Hintergrundinfos. Auch aus rechtlichen Gründen, denn Social Media Profile benötigen ein Impressum und eine Datenschutzerklärung, die nur verlinkt werden kann.

Und wenn ich statt nur auf die althergebrachten Social Media aufs Fediverse setze, kann ich mein Blog mit Mastodon verbinden und damit direkt dort abonnierbar machen. Die Zukunft des Social Web wird wohl ohnehin dezentral sein.

Zu 5.) Wo ist das Patentrezept für die Abkürzung?

Als ich vor vielen Jahren (Achtung, Omma erzählt vom Krieg! 😉 ) mit der digitalen Kommunikation begann, gab es noch keine Coaches oder Akademien dafür. Es gab nur Menschen, die sich gegenseitig an ihren Erfahrungen teilhaben ließen und ihr Wissen ganz kostenlos miteinander teilten. Sobald die Plattformen ein Investment wurden, schossen die selbsternannten Experten wie Pilze aus dem Boden und das Web wurde immer kommerzieller. Werbebeschallung und schnelle Heilsversprechen inklusive. Aber:

Wer sowas verspricht, der lügt. Egal wie schick oder verlockend das alles aussieht oder klingt.

Digitale Kommunikation ist auch nichts, was man einmal online stellt, und dann war’s das. Sie bedeutet laufende Arbeit, zunächst wegen der Gespräche, die dort stattfinden, wegen der selbst zu postenden Beiträge und wegen der ständigen Weiterentwicklung und damit permanenten Veränderung der Plattformen.

Das kann einen gerade am Anfang überfordern. Aber genau dafür gibt es Begleiter wie mich, die einem helfen, sich statt auf die sich rasant verändernde Technik auf das Wesentliche, nämlich auf die eigentliche Kommunikation zu konzentrieren. Dabei sollte man darauf achten, dass einem keine quantitativen Erfolgsversprechen gemacht werden, sollten sie auch noch so reizvoll klingen. Qualitativ tut sich hingegen durchaus einiges, wenn man es richtig macht. Dabei muss aber jeder seinen eigenen Weg finden.

Es gibt keine Patentrezepte und auch keine Richtwerte wie soundsoviel Minuten auf Plattform A mit Postings in x bis y Zeichen mit höchstens drei Emojis und zwei Hashtags. Solche Zahlen stammen bestenfalls aus rein statistischen Mittelwerten, die sich jedoch ständig verändern.

Dann klappt’s auch mit den digitalen Nachbarn. Dabei gilt außerdem:

Auch hier gilt Nutzerrelevanz vor eigenen Vorlieben. Braucht meine Website wirklich all diese Animationen, oder nervt das spätestens beim zweiten Besuch? Ist es barrierefrei (sowohl für Menschen als auch für Suchmaschinen)? Was ist informationstrygdn, was dient dem Wiedererkennen und was ist nur Spielerei? Ist die Struktur nachvollziehbar? Was suchen die Menschen hier und was sollen sie finden?

Fotogalerie zum #scbn23

Zum Schluss noch ein paar Fotos, die mir (bis auf das erste) freundlicherweise noch am selben Tag zur Verfügung gestellt wurden. Bildnachweise s. unten.

Titelfoto: Stephanie Braun
Laptop-Foto: Annette Schwindt
Sonstige Fotos: Marc John, Bonn.digital

Annette Schwindt

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Kommentare

Eine Antwort zu „Zugeschaltet zum #scbn23“